Unverhältnismäßiger Polizeieinsatz beim Heimspiel gegen Frankfurt

Hallo Fanszene,

wir möchten mit folgendem Text kurz die Ereignisse des Heimspieltags gegen Eintracht Frankfurt resümieren und aufarbeiten. Als Fanhilfe der aktiven Fanszene haben wir den Großteil der Ereignisse dieses Spieltags selbst miterlebt und können uns demnach gut ein Bild des Tagesablaufs machen.

Nachdem sich am Spieltag die aktive Szene relativ früh an Ihrem Treffpunkt versammelte, fiel schon früh eine erhöhte Polizeipräsenz auf. Zunächst empfand man dies allerdings nicht als ungewöhnlich, da in den Tagen zuvor bereits seitens Bayer 04 und der Medien berichtet wurde, dass das Spiel gegen Eintracht Frankfurt eine gewisse Brisanz mit sich bringen würde und man sich entsprechend vorbereiten wolle.

Dass die erhöhte Polizeipräsenz nicht nur zum Schutz der beiden Anhänger aufgefahren wurde und gezielt gegen unsere Fanszene eingesetzt werden sollte, erfuhren die beteiligten Personen dann beim üblichen Gang zum Stadion. Auf dem Weg wurden erste Gerüchte laut, dass die Polizei im Stadion warte, mit dem Ziel Personen zu identifizieren, die möglicherweise an der Pyroaktion beim Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach beteiligt waren.

Am Stadion angekommen erwartete die Fanszene dann das wohl größte Polizeiaufkommen, das je bei einem Heimspiel aufgefahren wurde. Beamte standen vor dem Block, hinter den Eingangskontrollen, auf der Straße. Dazu gab es mehrere Reiterstaffeln und mehrere Beamte mit Kameras die den Mob auf Schritt und Tritt verfolgten. Auf den Treppen zum Oberrang standen weitere Polizisten, die unter anderem die Lage weiter filmten. Dazu stand der Polizeipräsident höchst persönlich dabei um das Handeln seiner Beamten zu überwachen. Rückblickend wirkt das Aufkommen der Polizei am Samstag ziemlich befremdlich, wenn man bedenkt, dass die aktive Fanszene ansonsten nur von den SKB’s und maximal einem Mannschaftswagen begleitet wird.

Innerhalb der aktiven Fanszene erkannte man zwar den Ernst der Lage, vielleicht war es aber Wunschdenken und die Vorfreude auf das bevorstehende Spiel, welche die Fans dazu veranlasste das Stadion doch zu betreten. Eines war jedoch vorher klar: sollte auch nur eine Person aus der Gruppe angegangen und festgehalten werden, werde man geschlossen das Stadion wieder verlassen. Niemand hatte die Absicht sich provozieren zu lassen und eine Eskalation entstehen zu lassen!

Beim Betreten des Stadions erwiesen sich die Gerüchte dann als wahr. Kurz hinter den Drehkreuzen hatten sich Polizisten in Vollmontur positioniert, um mit verpixelten Bildern nach einzelnen Personen zu suchen. Der erste Übergriff ließ daraufhin nicht lange auf sich warten. Nicht einmal ein Drittel der aktiven Fanszene hatte es durch die Einlasskontrollen geschafft, als die Polizei begann, einzelne Personen aus der Menge zu ziehen. Wie vorher abgesprochen wollte man das Stadion umgehend wieder verlassen um zu deeskalieren. Die Polizei hatte jedoch andere Pläne. Im Stadioninneren kam es zu einem Schlagstockeinsatz, wodurch die Situation hektisch und unübersichtlich wurde und im Zuge dessen auch unbeteiligte Personen, welche mit einer Pyroaktion niemals was zu tun gehabt haben angegangen, geschubst und geschlagen wurden. Die zurückweichenden Fans wurden direkt vor dem Stadioneingang eingekesselt. Auch um die unbeteiligt auf der anderen Seite der Bismarckstraße stehenden Stadionverbotler wurde urplötzlich eine Polizeikette gezogen. Als hätte die Polizei nur auf eine solche Situation gewartet. Hierzu muss gesagt werden, dass es gelebte Spieltagspraxis ist, dass die Stadionverbotler den Rest der Fanszene zum Stadion begleiten.

An dieser Stelle muss man ganz klar das Handeln und die Einsatzstrategie der Polizei hinterfragen! Das nach den Vorfällen beim Heimspiel gegen Gladbach Konsequenzen für die entsprechenden Personen folgen werden, sollte jedem klar sein. Das dies allerdings auf Kosten aller Fans passieren sollte, ist absolut nicht hinnehmbar. Es kann nicht sein, dass man versucht ohne Rücksicht auf Verluste Personalien festzustellen und dabei Kinder, Frauen und normale Fans in Gefahr bringt. Dass über diesen Umstand im Nachhinein kein Wort verloren wird empfinden wir als sehr befremdlich, nachdem doch in der letzten Woche praktisch ausschließlich und deutschlandweit voller Empörung auf angebliche Übergriffe der Dortmunder Fanszene auf Frauen und Kinder im Rahmen des Heimspieles gegen RB Leipzig geblickt wurde. Wo ist der Aufschrei wenn seitens des Staates so vorgegangen wird? Mit welcher Legitimation gehen Staatsbedienstete unter Einsatz von Gewalt auf Menschen los, die einem bewaffneten und gepanzertem Uniformträger weder etwas entgegenzusetzen haben oder überhaupt etwas entgegensetzen wollen?

Aus unserer Sicht hätte es an dieser Stelle unzählige andere, deeskalierendere Möglichkeiten gegeben, die Personalien einzelner Personen festzustellen. Unabhängig davon, dass es ziemlich fragwürdig erscheint, dass die betroffenen Personen nicht von den sogenannten „Szenekundigen Beamten“ erkannt werden, obwohl deren einzige Aufgabe das durchleuchten der Fanszene ist. Darüber hinaus ist es ebenfalls zu hinterfragen, ob die eingesetzte Staffel der Hundertschaft die richtigen Voraussetzungen für eine solche flächendeckende und geplante Personalienkontrolle und -aufnahme in dieser Form mitbringt. Ist die in Polizeikreisen genannte „14te“ doch in eben diesen Kreisen bekannt für ihr rücksichtsloses Auftreten, ihren überharten Einsatz und den schnellen Griff zum Schlagstock dessen Gebrauch sich nicht nur auf das „Zielklientel“ beschränkt sondern, wie auch unabhängige Augenzeugen vom Wochenende berichteten, Unbeteiligte trifft wenn diese sich durch Zufall am falschen Ort befinden. Eine Differenzierung findet hier also nicht statt – vom provokanten Auftreten der Beamten ganz abgesehen. Spätestens als die eingesetzten Beamten 5 Stunden vor Spielbeginn am Marsch der aktiven Fanszene vorbei fuhren und provokant mit aus dem Fenster hängenden Händen gegen die Außenseite ihrer Fahrzeuge schlugen wurde den Beteiligten der Fanhilfe klar, mit welchem Kaliber Beamten man es heute zu tun hatte. Nicht auszudenken was durch dieses Verhalten mit Billigung der Einsatzleitung und weiterer Verantwortlichen hätte schlimmeres passieren können wenn auf Fanseite nicht besonnen und deeskalierend reagiert worden wäre. Das kann man von dem sogenannten „Freund und Helfer“ nicht behaupten.

Den eingekesselten Personen wurden nun zwei Möglichkeiten eröffnet. Man könne entweder ins Stadion gehen, wenn sich jeder Einzelne erneut kontrollieren ließe, oder man könne den Weg zurück zum Stadioneck antreten. Beim Verlassen des Polizeikessels, sollten sich alle Personen in einer Reihe aufstellen, wobei die Polizisten ein Spalier bildeten, durch den jeder hindurchgehen musste. Dabei wurden nochmals alle Gesichter mit den verpixelten Bildern abgeglichen. Zudem wurde das mitgeführte Tifo-Material von der Polizei gesondert kontrolliert. Nach einiger Zeit durften auch die Stadionverbotler den Kessel wieder verlassen und die aktive Fanszene konnte gemeinsam das Spiel am Stadioneck verfolgen.

Leider sollte es das mit dieser Aktion noch nicht gewesen sein. Nachdem bei „normalen“ Heimspielen die Polizei relativ schnell die Heimreise antritt, wurde beim Heimspiel gegen Frankfurt äußerst lange am Stadioneck gewartet. Man hatte das Gefühl, es würde nur darauf gewartet, nochmal „aktiv“ zu werden. Und so sollte es dann auch kommen, als zwei Personen vor dem Stadioneck scherzten und ein anwesender Polizist Teile der Unterhaltung auf sich bezog, dies als Beleidigung auffasste und zum Anlass sah, mit der gesamten Besatzung nochmal für „Stimmung“ zu sorgen, um den vermeintlichen „Übeltäter“ aus der Gruppe zu ziehen. Dafür wurde dann noch mal ordentlich mit den Schlagstöcken um sich geschlagen und die anwesenden Fans in die eh schon überfüllte Kneipe geprügelt. Leittragende dieser Aktion waren dann nicht nur Ultras, sondern auch Frauen und ältere Bayer-Fans die einfach nur in gemütlicher Runde den Tag ausklingen lassen wollten.

Das Verhalten der Fanszene ist an dieser Stelle als absolut lobenswert zu beschreiben, da sich niemand auf eine erneute Provokation einließ und jeder versuchte beruhigend auf die Masse einzuwirken. Nachdem die Staatsmacht eine unbeschreibliche Masse an Einsatzfahrzeugen und Beamte am Stadioneck zusammengezogen hatte, erkannte wohl auch der Einsatzleiter, dass man etwas kleinere Brötchen backen sollte. Nicht nur weil man aus einer völlig unverfänglichen Situation einen Großeinsatz macht, unter dessen Brutalität Unbeteiligte zu leiden hatten, sondern weil offenbar auch dieser merkte, dass das Vorgehen seiner Mitarbeiter jeder Dienstvorschrift spottet. Erstaunlicherweise zogen die anwesenden Beamten nach dieser Situation sofort ab und traten die Heimreise an.

Alles in allem war dieser Spieltag ein trauriger und erschreckender Tag für die Fanszene von Bayer 04 Leverkusen. Nach dem man einfach nur die Hoffnung hatte, dass mal wieder Ruhe unter dem Bayer-Kreuz einkehrt und sich wieder auf das wesentliche konzentriert wird, hat die allgemeine Situation hiermit ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Wir bewerten das Vorgehen der Polizei als äußert fragwürdig und nicht angemessen für die aktuelle Situation.  Vielmehr vermittelt man hier den Eindruck, dass man nur mal zeigen wollte wer am längeren Hebel sitzt und das ohne Rücksicht auf Verluste. Dieser Einsatz diente lediglich dem Ziel auf Konfrontation und Provokation worauf man sich auf Fanseite glücklicherweise nicht einließ. Außerdem kritisieren wir die Verantwortlichen der Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH stark, da diese dem Einsatz der Polizei in dieser Art und Weise im Stadion zugestimmt haben müssen! Es wurde bereits oft betont, dass die Polizei normalerweise keine Handhabe im Inneren des Stadions hat. Deshalb hätte eine solche Situation niemals entstehen dürfen – gibt es doch unzählige andere Möglichkeiten eine solche Situation zu bewältigen.

Es erreichten uns gestern schon erste Informationen, dass nun für die Ereignisse beim Heimspiel gegen Frankfurt auch Anzeigen folgen sollen. Sollte Euch eine Anzeige oder Ähnliches erreichen, meldet Euch bitte umgehend bei uns unter info@kurvenhilfeleverkusen.de, damit wir weitere Vorgehensweisen mit Euch besprechen können! Uns ist bereits zugetragen worden, dass es einige Verletzte beim Einsatz der Polizei gegeben hat. Solltet Ihr im Zuge des Einsatzes Verletzungen erlitten haben, bitten wir Euch diese ärztlich Dokumentieren zu lassen und Euch ebenfalls bei uns zu melden um ggf. weitere Schritte gegen die Einsatzleitung oder einzelne Polizisten einleiten zu können. Eins muss an dieser Stelle jedem klar sein: Dieser Einsatz fand nicht nur unter den Linsen der Polizeikameras statt …

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